Attac.DenkTankStelle.2013-10-07

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DenkTankStelle von Attac-Leipzig

Thema: Freiheit, die ich meine
Ort und Zeit: Mo, 07. Oktober 2013, 19 Uhr im Café Grundmann

Ankündigung

Der Termin provoziert dieses Thema, das eine Fülle nicht nur philosophischer Ansatzpunkte bietet.

Johannes

... und es provozierte

Liebe Mitdenker,

ich glaube, die Freiheit ist ein sehr gutes Thema zum DDR-Geburtstag, denn die Freiheit ist ja nun angeblich das große Geschenk, das uns der Fall der DDR gebracht hat. Ich lehne dieses Präsent aus tiefstem Herzen ab. Mich widert das westliche Gewäsch von Freiheit seit der Wende an, denn die Freiheit, die die großen „Freiheitskämpfer“ meinen, ist die Freiheit, jeden Menschen über den Tisch ziehen zu dürfen, um Gewinn zu machen. Die Wende brachte uns die Befreiung des Egoismus von jeder Moral.

Ich will das auch illustrieren. Noch in der Wendezeit bin ich beim ersten Finanzdienstleister, der sich in Leipzig umtat, zur Schulung gegangen, weil mich die Denkungsart unserer neuen Herren interessiert hat. Er hat eine grandiose Gehirnwäsche an uns armen Verblendeten versucht, indem er es zur größten Lebensleistung erklärte, wenn wir alle Tag und Nacht nicht mehr ruhen, bis wir möglichst in einem Jahr Millionäre geworden sind. Dazu sollten wir beseelt sein von der Raffgier und Karrieresucht und so ohne Skrupel all unsere Familienmitglieder, unsere Freunde, Bekannten und alle Menschen, deren Begegnung wir aktiv suchen sollten, für unseren Egoismus einspannen. Ich konnte das nicht. Aber andere Leute haben ganzen Dörfern Bausparverträge aufs Auge gedrückt und wurden dann als große Helden gefeiert. Als Lohn bekamen sie eine ärmliche Provision, denn die Deppen hatten ja keine Ahnung, wie schnell sich der Oberjudas auf ihre Kosten die Taschen gefüllt und vermutlich Multimillionär geworden ist. Die Finanzberaterossis aber haben ihren guten Ruf verloren.

Dasselbe Spiel gab es bei Amway, einer anderen Art von Multi Level Marketing, dem Schneeballsystem aus den USA, bei dem die „arbeitenden“ Betrüger unten ihren Bekannten mit extrem überhöhten Preisen für irgendwelche Wunderwaren das Geld aus der Tasche zogen, damit sich die Hierarchien oben drüber, die ja den Deppen das selbständige Geldverdienstprinzip gezeigt hatten, den Geldsack füllen konnten. Diese Gemeinheiten funktionierten bei den Ossis besonders gut, weil wir ja keine Ahnung von der Warenwunderwelt des Westens hatten und außerdem immer noch wie in der DDR glaubten, dass der Staat Lüge und Betrug verhindern und bestrafen würde. Aber der Westen kennt keinerlei Moral außer der, dass alles verboten ist, was den wirtschaftlichen Erfolg behindert. Deshalb darf auch in der Werbung gelogen werden, was das Zeug hält, Hauptsache, man beschmeißt mit seiner Werbung nicht einen Konkurrenten mit Dreck, auch wenn es die Wahrheit ist. Dann gibt es Verleumdungsklagen usw., weil man dessen Freiheit behindert hat.

Deshalb muss ich als Frau es ja auch dulden, mit Huren, den ach so schwer arbeitenden „Sexarbeiterinnen“, auf eine Stufe gestellt und in meinen moralischen Freiheitsrechten verletzt zu werden. Denn jeder Mensch, der heute Tiefgang und Moral einfordert, wird als moralinsaurer Sonderling und humorloser Spielverderber, wenn nicht gar als Extremist und Terrorist eingestuft. In den Augen von macht- und geldgeilen Egoisten ist die Moral eben die schlimmste aller Diktaturen.

Doch das Perfide an der Befreiung der Unmoral von jeder Beschränkung ist ja die Scheinheiligkeit von Menschlichkeit und Fürsorge für andre Menschen, mit denen sich Egoisten schmücken. Denn der Egoist kann nur leben und Geschäfte machen, wenn er andere Menschen dazu bringt, sich glücklich und dankbar zu fühlen, während sie betrogen, belogen, ausgebeutet und zum Deppen gemacht werden. Denn jeder Depp bekommt schließlich auch etwas für seine Hingabe. Und bekommt er nichts, kann er sich immer noch als Märtyrer und aufopfernder Heiliger fühlen und aus seiner Askese sein Lustprinzip ziehen. Doch ein kluger Ausbeuter füttert seine melkenden Kühe immer ausreichend und dazu mit großer Geberpose, damit sie möglichst glücklich, kraftvoll und natürlich freiwillig so viel Milch geben wie irgend möglich.

Dieses Prinzip des großzügigen Masters hat auch schon bei den Indianern funktioniert, denen man mit Glasperlen und Alkohol ihre Freiheit, ihr Land und letztendlich ihre Lebensgrundlagen ganz freiwillig weggenommen und sie so in das herrliche Land der Freiheit geführt hat. Deshalb sind die geschicktesten Ausbeuter und Betrüger, die größten Gurus, auch die beliebtesten beim Volk. Und deshalb ist die Grenzenlosigkeit der Dummheit der Garant dafür, dass die westliche Freiheit noch lange alle Deppen glücklich machen wird.

Optimistisch wie immer,

Kornelia, 19.09.2013


Hallo ihr Mitdenker,

ich finde , dass der Beitrag von Kornelia ein gutes Beispiel zu unserem Thema „Freiheit die ich meine“ ist. Deshalb will ich zur Fortsetzung einige Erlebnisse aus meinem Leben hinzufügen.

1. Während Studiums an der KMU fuhren im Sommer 1957 viele meiner Kommilitonen in den Westen, wenn sie dort Verwandte hatten oder dort arbeiteten, um so ihren Urlaub sich leisten zu können. Viele nutzten die Freiheit und die meisten kamen freiwillig wieder. Bei der ersten FDJ-Vollversammlung im neuen Semester wurde das Thema angesprochen, ob im nächsten Jahr den Studenten bei einer Reise nach dem Westen ein bestimmter Betrag Ost- in Westgeld umgetauscht werden könnte. Das war damals eine seriöse Anfrage; die Reaktion von Funktionären war, dass dies sich unser Staat z.Z. nicht leisten kann! Kann man verstehen!

Die einzigen, die damals Ärger bekamen, waren die Mitglieder der Jungen Gemeinde, die in kirchlichen Einrichtungen übernachtet hatten (ihnen wurde der Zutritt zur Mensa verwehrt). Sie mussten die Freiheit nutzen und waren die einzigen unserer Studenten, die damals die DDR verließen.

Im nächsten Jahr kam dann als „spontaner Aufruf“: ein Student fährt nicht nach dem Westen, er arbeitet freiwillig in den Semesterferien in der Kohle!

2. Es senkte sich der große Käfig über „unsere Republik“, das war die Zeit, als die Freiheit zur Einsicht in die Notwendigkeit wurde. Gegen Ende dieses Kapitels, im Frühjahr 1989 in einer Betriebsversammlung sagte ein Kollege sinngemäß, ich möchte mir doch die Bundesrepublik mal ansehen, warum kann ich denn das nicht?!

Da antwortete ihm unser Genosse Institutsdirektor (Institut für Energetik): „Wenn Sie wissen wollen, ob auf einer Stromleitung Spannung ist, dann fassen Sie doch auch nicht dran!“.

Ja, siehst du, liebe Kornelia, da schließt sich für mich nun der Kreis, weil die von dir zitierten Bekannten in dem Glauben erzogen wurden, der Staat sorgt für alles, und als er sie im Stich ließ, haben sie an die Stromleitung gefasst.

Gerd, 27.09.2013


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