HGG.2018-11

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HGG.Kommentare

Dialektischer Materialismus und die Krise der Physik

Der Hamburger Gesprächskreis Gesprächskreis Dialektik & Materialismus lud am 16. und 17. November 2018 zu einer Diskussion mit Christian Jooß (Physiker an der Uni Göttingen) zu dessen Buch "Selbstorganisation der Materie".

Neben einem Werbeverbot, welches der Präsident der TU Hamburg-Harburg für die Veranstaltung an seiner Einrichtung ausgesprochen hat, gab es auch viel positive Resonanz im Vorfeld. Das Buch ist und bleibt umstritten, aber das war das Potsdamer Manifest, das im Einsteinjahr 2005 mit der Autorität des VDW im Rücken publiziert wurde, ja auch. Die Intentionen, Beschreibungen des Kosmos aus der Zwangsjacke mechanisch-"materialistischer" Ansätze zu befreien und sie in Richtung "geistig-lebendiger" Ansätze zu entwickeln, spielten auch damals eine zentrale Rolle. Jooß' Buch bietet weniger und damit zugleich mehr – mit der Beschränkung auf den Mikro- und Makrokosmos bleibt er mit seinen spekulativ-induktiven Ansätzen nahe bei seinen (Schuster)-"Leisten".

Rezensionen:

Zum Protest gegen das Werbeverbot für die Veranstaltung an der TU Hamburg

Im Kontext der Diskussionen im Vorfeld der Veranstaltung spielte insbesondere die Frage eine Rolle, in welchem Maße dialektisch-materialistische Argumentationsmuster durch Jooß weiterentwickelt werden. Aktuell wird zu diesem Thema auch im Zusammenhang mit einer Neuauflage der "Deutschen Ideologie" diskutiert. Siehe dazu unten meine Anmerkungen zur Veranstaltung.

Annette Schlemm verweist in ihrem Beitrag auf Arbeiten der Berliner Philosophin Renate Wahsner zum Materiebegriff insbesondere auch aus wissenschaftshistorischer Perspektive:

Anmerkungen

Über 40 Personen hatten sich – nach einem "Warmlaufen" am Vorabend in engerem Kreis – am Samstag in der HAW zusammengefunden, um sich unter dem Titel "Dialektischer Materialismus und die Krise der Physik" über Dimensionen kritischer Wissenschaft zu informieren und auszutauschen. Das allein ist, nach allen Querelen und Behinderungsversuchen im Vorfeld, eine Bemerkung wert, denn eine derartige Form kritischer Begleitung von Wissenschaft durch eine wissenschaftlich interessierte Öffentlichkeit – Wissenschaftler aus anderen Fachgebieten wie mich als Informatiker eingeschlossen – ist heute keine Selbstverständlichkeit. Auf die Schwierigkeiten eines solchen interdisziplinären Dialogs auch für die am Dialog selbst Beteiligten möchte ich nicht eingehen, ebenso wenig auf den engeren Gegenstand der Debatte – die Krise der Physik, die sich in der und um die Urknalltheorie herum kondensiert. Christian Jooß hat die Argumente der Gegner einer solchen Theorie in seinem Buch gut zusammengetragen und auf einem Niveau entwickelt, das auch wissenschaftlich interessierten Laien zugänglich ist, Simon Oberhauser (Uni Jena) eine Reihe von Gegenargumenten aufgeschrieben und damit die Dimension innerphysikalischer Auseinandersetzung markiert, die (aus meiner Sicht glücklicherweise) in der konkreten Debatte am 16. und 17.11. aber keine wesentliche Rolle spielten (die Mehrzahl der Hörer und wenigen Hörerinnen hätte dem sowieso nicht folgen können). Am Vortag war darüber hinaus Gelegenheit, sich am DESY einen praktischen und haptischen Eindruck zu verschaffen, was Großforschung heute bedeutet und wie sich das gesellschaftliche Verständnis von Wissenschaft seit den Zeiten der Studierstuben eines Goetheschen Faust gewandelt hat.

Dies möchte ich vorausschicken, um mich nun dem für mich besonders spannenden Teil der Debatte zuzuwenden – der epistemischen Dimension von Forschung. Die Frage nach den eigenen epistemischen Grundlagen steht früher oder später vor jedem Wissenschaftler, vor allem dann, wenn ihm auf subtile Weise suggeriert wird, womit er sich bitteschön lieber nicht beschäftigen möge. Seit dem Zerfall der Studierstuben Faustscher Prägung ist es für Natur- und Technikwissenschaftler schwierig, einen Resonanzboden für einen derartigen philosophischen Reflexionsbedarf zu finden. Dies gilt besonders nach dem Schisma von "Science" und "Humanities" in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, an dessen Ursprung ebenfalls eine Krise der Physik stand (die Frage der epistemischen Deutung der Quantenphysik), wobei die Diskursverweigerung von den "Humanities" ausging, wie Daniela Wünsch in (Wünsch 2010) am Beispiel Göttingens detailreich beschreibt.

Auch für Christian Jooß ist diese epistemische Komponente von großer und handlungsleitender Bedeutung, wenn er den Ansatz "Selbstorganisation" als Paradigma und dialektischen Materialismus als Methodik in Stellung bringt, um physikalische Ansätze auf deren Tragfähigkeit hin zu bewerten. Eines seiner grundlegenden Argumentationsmuster "das ist idealistisches Denken" gab allerdings immer wieder Anlass zu Debatte, Nachfrage und Widerspruch in der Runde. Hinterfragt wurden derartige Urteile vor allem – so meine Beobachtung – weil sie als zu "subjektiv" wahrgenommen wurden. Meinen zwei Fragen nach

  1. dem intersubjektiven Charakter von Begriffsbildungen in der Wissenschaft und
  2. den eigenen Kriterien für das Verdikt "idealistisch"

wich Christian Jooß (nach meinem Verständnis) aus. Wir sind damit unmittelbar im Spannungsfeld von Subjekt und Objekt und den Bewegungsformen dieses Spannungsfelds gelandet. Die intersubjektive Dimension von Begriffsbildungsprozessen bis hin zu manifesten Institutionalisierungsformen in der Gesellschaft und damit Praxen durchdringender Wirkung hatten wir am DESY praktisch vor Augen. Welche Rückwirkungen hat also unser Erkenntnisprozess auf Materieformen selbst und damit auch auf unseren Begriff von Materie? In welchem Umfang ist ein solcher Begriff selbst Gegenstand von Entwicklung?

Jede solche Intersubjektivität ist auf Kommunikation und damit auf Sprache angewiesen. Gibt es eine "vorsprachliche Form" im Erkenntnisprozess, aus der heraus private Urteile bereits möglich sind? Eine Form, die etwa Physiker gut verstehen, die aber zum Beispiel Mathematikern im Kern verschlossen bleibt? Jooß' Vortragsmittel deuten darauf hin – die Verwendung von Bildern und Metaphern (einschließlich der einen Folie mathematischer Formeln als dem "Ursprung" der Bilder – so reden Physiker, wenn sie "unter sich" sind) lassen vermuten, dass es so etwas wie "physikalische Intuition" gibt, die handlungsleitend für die Praxen der Theoriebildung eines Physikers ist. Ist aber die "objektive Realität" (einzige) Quelle dieser bildlichen Vorstellungen oder diese nicht vielmehr ein Kohärenzphänomen wissenschaftlichen Tätigseins auf einer längeren zeitlichen Skala? Wie steht es um Phänomene der Selbstorganisation des Erkenntnisprozesses bis hin zu Materialisierungen wie dem DESY? Eine solche Fragestellung suggeriert, dass es sich dabei mitnichten um "vorsprachliche" Phänomene handelt, sondern ebenfalls um eine spezifische Entwicklungsform von Materie. Oder?

Allerdings wird man eine solche Entwicklungsform der Materie sprachlich nur auf der Basis von dialektischem und historischem Materialismus fassen können. Der Leipziger Philosoph Helmut Seidel weist in seiner Habilitationsschrift (Seidel 1966), für die er in der "poststalinistischen, dogmatischen Welt des Realsozialismus“ (Hans-Martin Gerlach, ebenda, S. 7) hart gescholten wurde, darauf hin, dass es genau dieser Punkt war, in dem Marx und Engels über Hegel hinausgehen:

„Die historische Relativität der philosophischen Systeme hatte Hegel als erster nachgewiesen, allerdings mit der Inkonsequenz, sein eigenes System außerhalb dieser historischen Relativität zu belassen. Marx führt den Hegelschen Gedanken der durchgängigen historischen Relativität philosophischer Systeme konsequent zum Ende. Die Lösung der aus den philosophischen Erkenntnissen entspringenden theoretischen und praktischen Aufgaben ist gleichbedeutend mit der Aufhebung des jeweiligen philosophischen Systems. Ist das Verhältnis von Philosophie und Wirklichkeit aber dergestalt durchschaut, so folgt notwendig der Schluss, dass es sich nicht mehr darum handeln kann, der Wirklichkeit ein abstraktes philosophisches System entgegenzustellen, sondern dass ihre eigentliche Aufgabe darin besteht, das Praxis-Theorie-Verhältnis zum Gegenstand ihrer Untersuchungen zu machen.“ (Seidel 1966, S. 250)

Die Auseinandersetzung um diesen Aspekt des Hegelschen Erbes ist seither nicht schwächer geworden. Lenins Auseinandersetzung mit dem physikalischen Weltbild eines Ernst Mach in seiner Streitschrift "Materialismus und Empiriokritizismus" ist aus historisch-materialistischer Sicht in den größeren Zusammenhang der Auseinandersetzung mit dem Neukantianismus einzubetten und damit Teil eines längerfristigen Versuchs der "Zerstörung der Vernunft", die Georg Lukácz in (Lukácz 1952) genauer beschreibt. Eine der wesentlichen Arbeiten zur epistemologischen Fundierung einer materialistischen Weltanschauung, die eine ganze Generation ostdeutscher Wissenschaftler geprägt hat, ist das Buch "Jesuiten, Gott, Materie" (Klaus 1957). Die enge Verwobenheit von Schicksal (hier verstanden als konkrete Bewegungsform privater Lebensumstände in ihrer historischen Bedingtheit) und Erkenntnisprozess wird an der Biografie von Georg Klaus deutlich.

Der Kreis schließt sich mit einem Blick auf das (in obigem Sinne verstandene) Schicksal von Helmut Seidel nach dessen "Karriereknick" im Jahr 1966 – er wird Lehrer der Philosophiegeschichte und lehrt Generationen seiner Schüler den "historisch-materialistischen Blick". Sein zentraler Forschungsgegenstand ist dabei Spinoza, der mit seinem Substanzbegriff einen spekulativen "Prämateriebegriff" entwickelt, der sich heute (möglicherweise) bei Jooß als Quantenäther in neuer Form "materialisiert".

  • Christian Jooß (2017). Selbstorganisation der Materie. Essen.
  • Georg Klaus (1957). Jesuiten, Gott, Materie. Berlin.
  • Georg Lukácz (1952). Die Zerstörung der Vernunft. Zitiert nach der 4. Auflage, Berlin und Weimar 1988.
  • Helmut Seidel (1966). Philosophie und Wirklichkeit. Habilitationsschrift, Leipzig 1966. Zitiert nach der Neuauflage durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen (Hrsg. von Volker Caysa), Leipzig 2011.
  • Daniela Wünsch (2010). Dimensionen des Universums. Göttingen und Stuttgart.

Hans-Gert Gräbe, 18.11.2018

Weitere Diskussion dazu, so weit öffentlich geführt: