HGG.2018-02

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HGG.Kommentare

Zum Fortschrittsbegriff

Alfred Fuhr schreibt in einer Diskussion auf Facebook zu unserem 12. Interdisziplinären Gespräch

In einem Aufsatz mit dem Titel „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“ begründete John Maynard Keynes seine Hoffnung,

„… dass aufgrund des Fortschritts, der immer höheren Produktivität und des steigenden Vermögens „das wirtschaftliche Problem innerhalb von hundert Jahren gelöst sein dürfte“. Die Menschen werden im Jahr 2030 von den „drückenden wirtschaftlichen Sorgen erlöst sein“, ihr größtes Problem werde es vielmehr sein, „wie die Freizeit auszufüllen ist“. Denn „Drei-Stunden-Schichten oder eine Fünfzehn-Stunden-Woche“ seien völlig ausreichend, um die Lebensbedürfnisse zu befriedigen.“ (DiePresse.com)

John Stuart Mill beschrieb in seinem Buch „Grundsätze der politischen Ökonomie“, dass es zu einem Aufhören des Wachstums kommen werde, weil die Menschheit das Ziel: Wohlstand für alle erreicht habe.

„Dieser stationäre wirtschaftliche Zustand bedeutet für ihn jedoch nicht, dass auch kein intellektueller, kultureller und wissenschaftlicher Fortschritt stattfindet und auch ein Mangel an Waren vorhanden ist. Stillstand herrscht allein in Bezug auf die Kapital- und Bevölkerungszunahme. Es ist ein Zustand, in dem „keiner arm ist, niemand reicher zu sein wünscht, und niemand Grund zu der Furcht hat, dass er durch die Anstrengungen anderer, die sich selbst vorwärts drängen, zurückgestoßen werde“. Das Streben nach Wachstum bezeichnet Mill als Sucht. Er geht davon aus, dass gesellschaftliche, kulturelle und sittliche Fortschritte umso größer wären, würde der Mensch dieser Sucht entsagen. Erwerbstätigkeit kann ebenso in Mills stationärem Zustand stattfinden, „nur mit dem Unterschiede, dass die industriellen Verbesserungen anstatt nur der Vermehrung des Vermögens zu dienen, ihre ursprüngliche Wirkung hervorbrächten, nämlich die Arbeit zu verkürzen“.“

"Mitten im Unrat wächst das Blümchen – das wir von jenem befreien müssen.Wir müssen uns ändern. (Sokratischer Marktplatz)

Das korrespondiert mit Karl Steinbuchs Fortschrittsbegriff, den man "präzise erklären" könne:

"Er besteht darin, dass im fortgeschritteneren Zustand nicht nur die früheren Einsichten vorhanden sind und die früheren technischen Leistungen vollbracht werden können, sondern darüber hinaus auch noch neue, zusätzliche. In der Geschichte der Naturwissenschaften und der Technk ist der Fortschritt nicht eine bestreitbare Fiktion, sondern die Vermehrung registrierbarer Leistungen" (Karl Steinbuch: Die Informierte Gesellschaft. Stuttgart 1966, S. 7)

Er impliziert einen kumulativen Wissensbegriff wie er sich insbesondere seit den 1990er Jahren in den "Wissenspyramiden" verfestigt hat, aber dem dynamischen "panta rhei" der Wissensproduktion in keiner Weise gerecht wird, ja ein solcher Fortschrittsbegriff wahrscheinlich sogar ursächlich für die ökologische Misere ist, mit der wir allfällig konfrontiert sind. Ernst Bloch (1956, ihn später zitierend auch Klaus Fuchs-Kittowski) wussten wenigstens noch vom "Verlust im Vorwärtsschreiten", was all die Menschen mit im Zuge des "digitalen Wandels" aussterbenden Professionen nur zu genau am eigenen Leibe spüren.

Siehe auch

Hans-Gert Gräbe, 16.02.2018