HGG.2012-08-10

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HGG.Kommentare

Summer School 2012 der Berlin Group of Radical Thinking, 10.-11.08.2012

Mehr: http://summerschoolberlin.blogspot.de/
Helle Panke, Kopenhagener Str. 9, 10437 Berlin

Panels:

1) How to read Marx: Hegel or Spinoza? (Friday, 12:00-19:00)
organized by Frank Engster, mit Nicola Marucci, Katja Diefenbach, Karl Reitter, Gregor Moder
2) Radical Philosophy in the Great Crisis of the 21st Century (Saturday, 12:00-14:30)
organized by Frieder Otto Wolf, mit Sami Khatib, Phillip Homburg (discussant), Urs Lindner
3) Subjectivity and Practice (Saturday, 16:00-19:00)
organized by Jan Rolletschek, mit Luca Basso, Christian Schmidt, Samo Tomsic

Ein paar Nachbemerkungen

Frieder Otto Wolf rief und alle, alle kamen ... Über 50 junge Leute, meist im Lehrlings- oder Gesellenstadium der Philosophie, darunter auch ein paar ältere Semester und sogar ein philosophieinteressierter Naturwissenschaftler (der Berichterstatter). Warum es letzteren in diesen illustren Kreis verschlagen hatte, ist statt mit Worten schneller mit ein paar Links [Gräbe] erklärt. Dort wird auch sichtbar, warum Naturwissenschaftler bei der Betrachtung der eigenen Praxen kaum an Philosophie vorbeikommen. Dass die - wenigstens aktuell akademisch etablierten deutschen - Philosophen ihnen dabei eine geringe Hilfe sind, ist mehrfach beklagt worden. Auch der Berichterstatter wüsste davon ein Liedchen zu singen; das für eine Enttäuschung erforderliche Täuschungspotenzial hinsichtlich der Erwartungen an die besuchte Veranstaltung hielt sich also schon vorab in Grenzen. Anyway, "radical thinking", junge Leute und FOW als "spiritus rector" des Unternehmens, mit klugen Bemerkungen (F.O.Wolf in [Spehr]) zu einem klugen Text (C.Spehr in [Spehr]) aufgefallen (vor einer Ewigkeit von immerhin fast 10 Jahren), markieren einen Möglichkeitsraum, den auszuloten die Anreise aus "der Provinz" (Georg Fülberth, Z 89, lässt diesen Begriff im Kontext von "Neid", "Fülle" und "Neuer Kapital-Lektüre" neu auferstehen) lohnenswert erscheinen lässt.

Über den Inhalt der einzelnen Beiträge und der Diskussion soll und muss hier mit Verweis auf die Webseite der Summer School nicht weiter berichtet werden. Ich konzentriere mich in meinen Nachbemerkungen auf die eigene Perspektive - was kann ein philosophierender Scientist, philosophierend vor allem im Bedarf, eigenen Praxen Worte zu geben, einem solchen "radical thinking" abgewinnen?

Auch mit einer gewissen Vertrautheit mit Gedankengut von Hegel und Spinoza ist bereits der Einstieg (How to read Marx: Hegel or Spinoza?) schwierig - autonomy of the social, Herrschaftspraxen, order and domination -, denn meine vorsichtige Frage, was mit "dem Sozialen" umrissen sei, stößt weitgehend ins Leere. Sie zielt natürlich darauf ab zu verstehen, ob hier auch über meine Praxen philosophiert wird. Schon im zweiten Vortrag das Bekenntnis "Science ist nicht mein Thema", später dann mit Verweis auf Foucault die klare Verortung "Science als Handlanger des Kapitals" (natürlich in gewählteren Worten ausgedrückt), die Praxen zumindest des alimentierten Scientisten waren schon immer herrschaftsstützend, es ist also nicht nur legitim, sondern geradezu erforderlich, deren Praxen in einer "radikalen Philosophie" radikal zu kritisieren. Aber müsste man diese Praxen dazu nicht erst einmal kennen? Spannend auch die - allenfalls in homöopathischen Dosen zu stellende - Frage, warum nicht mit gleicher Radikalität die eigenen Praxen einer zelebriert pluralen Linken auf dem Hintergrund der Diaspora einer "häretischen" Linken kritisiert werden.

Dass kurzschlüssige Argumentationen hier nicht nur mit Blick auf die Schicksale von Galileo oder gar Giordano Bruno, sondern auch die Konstituierung der uns umgebenden technisch-kulturellen Welt (die Transformation von archai in techne) fehl am Platze sind, versuchte ich an mehreren Stellen ins Gespräch zu bringen. Die Differenzen ließen sich zunehmend lokalisieren in einem Bereich, der auch für die philosophischen Debatten unter Naturwissenschaftlern, etwa [Dürr], zentral ist - eine sinnvoll gefasste theory of knowledge, die der Reichhaltigkeit beobachteter Phänomene gerecht wird.

Dass "radical thinking", welches "kritische Subjekte" in einer "revolutionären Praxis" (Christian Schmidt) zu formen sucht, sich auch (und nach meinem Verständnis sogar zuerst) in einem radikalen Denken technologischer Wandel bewähren muss (oder wenigstens müsste), steht für mich außer Zweifel. Wenigstens ist dort ein Knotenpunkt meines philosophischen Reflexionsbedarfs als Scientist. Schmidt stellt lapidar fest: "Da haben wir differente Anschauungen." Wie ist das zu verstehen? Ist das Bild des gemeinsam Geschauten different oder haben wir Verschiedenes angeschaut? Ich denke, die Antwort ist evident und die Diskursverweigerung mit Händen zu greifen.

"What do philosphers do?" - insbesondere die Anhänger einer radikalen Philosophie unter den Philosophen - fragt F.O.Wolf eingangs des zweiten Panels. Der "context of the culture industry" wird aufgerufen (ebenda), meine Frage, ob sich ein "computer scientist" hier angesprochen fühlen dürfe, bleibt unbeantwortet. So stehe ich ein weiteres Mal allein da mit der Frage, was es denn (aus der Sicht der Schöpfer des Begriffs "Radikale Philosophie") für einen philosophierenden "computer scientist" bedeuten mag, radikal zu philosophieren.

Mir fiel in der Pause ein Heft ([Laitko-1]) in die Hände, das im Regal der Hellen Panke angeboten wird. Daraus ein Zitat (Robert Havemann, 1963), das ich F.O.Wolf mit der Frage "What philosophers are for?" entgegenhielt:

"'Die Philosophie ist, wenn wir von der besonderen Behandlung ihrer Geschichte und von der noch längst nicht abgeschlossenen schöpferischen Auseinandersetzung mit dem Idealismus und den Ideologien absehen, keine spezielle Wissenschaft mit einem bestimmten Gegenstand. Sie hat alle Gegenstände zum Gegenstand, aber diese wiederum nur vermittels aller anderen einzelnen Wissenschaften von diesen Gegenständen. Der Reichtum ihrer Ideen ist der Reichtum der ganzen Wissenschaften. Ihre gegenwärtige Hauptfrage liegt darin, zu helfen, dass allen Wissenschaftlern die Dialektik und der Materialismus bewusst werde'. Sobald dies aber erreicht sei, bedürfe es keiner selbständigen Philosophie mehr". Und weiter in der Fußnote: "Seine gleichsam letztgültige Formulierung dieses Standpunktes in seinen Vorlesungen lautet: 'Indem wir die ursprüngliche Einheit der Wissenschaften wiederherstellen, brauchen wir keine besondere Wissenschaft dieser Einheit mehr. Wir brauchen kein besonderes System von philosophischen Lehrsätzen und Behauptungen. Wir brauchen nur die positiven Wissenschaften und das Bewusstsein ihres großen inneren Zusammenhangs'." (Quelle: [Laitko-1])

Leider auch hier eine Leerstelle. Aber steht nicht die Frage, welche Rolle diese (bereits bei Marx zu findende, siehe [Laitko-2]) Vision der einen Wissenschaft in einer "Theorie der Befreiung" zu spielen hätte? Für den Moment bleibt dem philosophierenden Naturwissenschaftler nur, sich an den Rat der "Internationale" zu erinnern: "Uns aus dem Elend zu erlösen: können wir nur selber tun!". Bei der Verwirklichung der Forderung an Philosophie, "dass allen Wissenschaftlern die Dialektik und der Materialismus bewusst werde", ist wohl seit der 11. Feuerbachthese wenig geschehen und auch auf die "radikalen Philosophen" neuerer Zeit kaum zu rechnen, sondern ein solches Ergebnis nur als Eigenprozess eines "radical (re)thinking" in den Naturwissenschaften selbst zu gewinnen. Aber nichts anderes fordert [Dürr] auch - "Learn to think in a new way".

Die Irritation unter den Philosophen und anderen linken Theoretikern (Georg Fülberth, Z 90, vorsichtshalber: "Ein großer Text") ist groß, wenn es Naturwissenschaftler umfassend versuchen (Barbara Kirchner, Dietmar Dath: Der Implex). Die Hoffnung, dass dennoch ein Dialog auf Augenhöhe möglich ist, bleibt. Allerdings nur mit einer Philosophie als Hilfswissenschaft: Hilfe für den philosophierenden Mathematiker und Informatiker, dies "radikal" zu tun, so wie die Mathematik und Informatik dem Physiker Hilfswissenschaften sind, Physik "radikal" zu treiben, wie die Physik dem Techniker Hilfswissenschaft ist, Apparate "radikal" zu bauen, als Mittel, mit denen die Menschen die eigene "Befreiung" (aus selbstverschuldeter (?) Unmündigkeit) - ein Stück weit - gewinnen. Eine Freiheit, über deren Inhalt ich mit Verweis auf H.-P. Dürr fragte: "Was aber ist Freiheit, wenn sie nicht die törichte Freiheit sein soll, das Falsche zu tun?" und worauf C. Schmidt antwortet "Selbstverständlich ist Freiheit auch die Freiheit, das Falsche zu tun." Können wir uns das angesichts der Potenz der geschaffenen Mittel wirklich noch leisten?

Eine Debatte mit langer philosophischer Tradition, wenn man das Wort "radikal" durch "vernünftig" ersetzt. Ob das Ziel dabei "Befreiung" (der Menschen) oder mit Blick auf die biologischen Gegebenheiten (mehr dazu siehe Kommentar 31 unter http://keimform.de/2011/arbeit/) schlicht "Überleben" (der Menschheit) sein wird, ist für die Relevanz der Debatte zweitrangig - nicht aber für deren Kritikalität. Für "Befreiung" haben wir alle Zeit der Welt, für "Überleben" ist der Erfolg der Debatte "just in time" essentiell.

"What should philosphers do (then)?" Wird Philosophie überflüssig, wenn "science" sich eine eigene Philosophie gewinnt (so wie manche Physiker ja auch behaupten, eine eigene Mathematik zu haben)? Im Gegensatz zu Havemann denke ich nicht, dass Philosophie damit obsolet wird. Sie wird - sich der Ergebnisse von science versichernd - weiter an den Außenposten menschlichen Denkens stehen und in die unerschlossenen Räume spähen. Leitlinie der Entwicklung kann nur die 10. Feuerbachthese sein, "den Standpunkt des neuen Materialismus" zu gewinnen, "die menschliche Gesellschaft oder die gesellschaftliche Menschheit", indem sie den Weg von einer "philosophy of man" des abstrakten Menschenbildes ([Althusser]) zu einer "philosophy of practise" konkreter Menschenbilder im Vollzug einer widersprüchlichen Praxis geht und damit zeigt, dass "Marx's theoretical anti-humanism" (noch einmal Althusser) keine "immanente Kausalität" jener Grenzüberschreitung (einer "philosophy of man") ist, wie es sich für Althusser damals (vielleicht) noch darstellte (aber ebenda: "The theme of alienation ... could thus be said to function as a substitute for a concept or concepts not yet formed, because the objective historical conditions had not yet produced their object.").

Am 21.-23. September 2012 wird Gelegenheit sein, dies in Leipzig weiter zu diskutieren

Hans-Gert Gräbe, 12.08.2012

Literaturverweise