Attac.DenkTankStelle.2017-10-09

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DenkTankStelle von Attac-Leipzig

Thema: Kultur macht Menschen
Ort und Zeit: Montag, 09. Oktober 2017, 19 Uhr im Café Grundmann

Ankündigung

Kultur macht Menschen – das ist eine kühne Behauptung, fallen doch da jedem sofort Beispiele an Barbarei ein, die aber scheinbar auch gar nichts mit Kultur und Menschlichkeit zu tun haben können. Weil gerade vom 76. Jahrestag von Babij Jar zu hören und zu sehen war, das als Beispiel genannt. Und trotzdem, was würde aus diesem blutigen schreienden Etwas, wenn ihm nach seiner Geburt im Laufe der Jahrzehnte nicht mehr als 6000 Jahre bewusste Menschheitserfahrung versucht würde aufzubürden. Mal mit weniger, mal mit mehr Erfolg und nicht überall und nicht jedem. Unter Kultur ist also der gesamte Überbau zu verstehen, um den marxistischen Begriff zu verwenden. Wir werden also u.a. bei der Rolle und den dialektischen Beziehungen von Sein und Bewusstsein landen und uns fragen, ob die Prioritäten noch die gleichen sein können wie bei dem in Stein gemeißelten Satz: Das Sein prägt das Bewusstsein.

Vielleicht reicht's doch noch zu dem einen oder anderen Einwand und Hinweis, besonders was die Präferenzen betrifft?

Johannes, 04.10.2017

Anmerkungen

Ein paar Gedanken zum Thema "Kultur macht Menschen" (Zitate aus Wikipedia). Näher betrachtet findet man nahezu alle aktuellen Probleme wieder (Leitkultur, Willkommenskultur, technologischer Fortschritt, Globalisierung, Anthropozän usw.).

1. Die Definition von "Kultur" kann weitgefasst erfolgen: "...alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur.", oder im engeren Sinn "nämlich ein System von Regeln und Gewohnheiten, die das Zusammenleben und Verhalten der Menschen leiten."

2. Damit ist der Satz "Kultur macht Menschen" keine kühne Behauptung, sondern eine Selbstverständlichkeit, bei der auch immer die Umkehrung mitgedacht werden muss: "Menschen machen Kultur". Anders gesagt: Kultur ist ein definierender Bestandteil von "Mensch".

3. In der aktuellen Diskussion wird der Begriff oft auf eine Gruppe von Menschen bezogen, für die eine bestimmte Kultur kennzeichnend sein soll. Dabei wird der Begriff „Kultur“ weniger deskriptiv (beschreibend) verwendet, sondern normativ (vorschreibend). In diesem Sinne bedeutet „Kultur“ nicht nur das, was tatsächlich vorgefunden wird, sondern auch das, was gelten soll, etwa die "christlich-abendländische Leitkultur".

4. Grundlegend für das Überleben und die Bedürfnisbefriedigung menschlicher Gesellschaften sind Tradition und kulturelles Gedächtnis. Damit kulturellen Fähigkeiten auch folgenden Generationen zur Verfügung stehen, muss eine Generation ihre Praktiken, Normen, Werke, Sprache, Institutionen an die nächste Generation überliefern. Diese Traditionsbildung ist als anthropologisches Grundgesetz in allen menschlichen Gesellschaften anzutreffen.

5. Enkulturation bezeichnet den Teil des Sozialisationsprozesses, der das unmerkliche Hereinwachsen in die jeweilige eigene Kultur vom zunächst neutralen und kulturfreien Neugeborenen bis hin zum kulturell integrierten Erwachsenen bewirkt. Enkulturation beinhaltet die automatische, nicht durch intentionale Erziehung gesteuerte Verinnerlichung einer Kultur und das bewusste geplante Hineinwachsen in Form der Erziehung als Enkulturationshilfe. Die Unmerklichkeit und Unreflektiertheit des Kulturerwerbs und die nur im Kontrast zu anderen, fremden Kulturen erfahrbare eigene Kulturhaftigkeit führen häufig dazu, die eigene Kultur für normal, natürlich oder gottgegeben zu halten.

6. Enkulturation erhält die Kontinuität der Traditionen einer Gesellschaft und wirkt dem Kulturwandel entgegen. Jede Gesellschaft muss sich zwangsläufig den Veränderungen ihrer natürlichen Umwelt anpassen, woraus oftmals eine Notwendigkeit zum kulturellen Wandel folgt (früher meist in größeren Zeiträumen). Wie Claude Lévi-Strauss erkannte, war das weitaus häufigste und über Jahrtausende gültige Bestreben der Menschen, jeglichen Wandel nach Möglichkeit zu „bremsen“ oder zu verhindern.

7. Arten des Kulturwandels:

a) „endogener“ Wandel: kultureller Wandel, der auf Entwicklungen innerhalb der Kultur zurückgeht (z.B. ist technologischer Fortschritt in den modernen Industriegesellschaften ein entscheidender Antrieb für einen beschleunigten Kulturwandel).

b) „induzierter“ Kulturwandel: Wandlungsprozess, der durch die Begegnungen mit anderen Kulturen entsteht, aus denen Teile übernommen und zu einer neuen Form abgeändert werden(z.B. die zwangsweise Übertragung von Strukturen der imperialistischen Staaten auf die eroberten Völker während der Kolonialzeit).

8. In der Gegenwart findet induzierter Wandel vor allem durch die Globalisierung statt. Die weltweite Verbreitung des Neoliberalismus gefährdet die kulturelle und soziale Vielfalt, indem überall die gleiche Art von Kulturwandel eintritt („McDonaldisierung“). UNESCO-Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt die Entwicklung von Rahmenbedingungen für „kulturverträgliches Handeln“: Verringerung eines negativ induzierten Wandels durch Tourismus, Journalismus, ethnologische Feldarbeit, Gesundheitswesen, Entwicklungspolitik oder andere interkulturelle Bereiche.

9. In diesem, aber auch anderen Zusammenhängen wird der Begriff Kulturkampf verwendet, d.h.

  • ein „Kampf“ zwischen verschiedenen Kulturkreisen (siehe dazu Samuel P. Huntingtons Buch Kampf der Kulturen) oder
  • ein Kampf um die „kulturelle Vorherrschaft“ und „kulturelle Identitäten“ innerhalb einer Gesellschaft oder zwischen einzelnen gesellschaftlichen Gruppen (siehe z. B. „Leitkultur“, Wertewandel).

10. Attac: Eine andere Welt ist möglich! , d.h. der „krankhafte“ Wandel (die negativen Folgen des sozialen und kulturellen Wandels infolge Globalisierung) kann (und muss) durch Verlangsamung des Prozesses abgemildert werden bzw. dieser Prozess muss (wenigstens teilweise) umgekehrt werden.

Andreas, 9.10.2017