Attac.DenkTankStelle.2013-02-04

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DenkTankStelle von Attac-Leipzig

Thema: Modelle und Wirklichkeit
Ort und Zeit: Mo, 04. Februar 2013, 19 Uhr im Café Grundmann

Ankündigung

Als Thema hatten wir uns „Denken in Modellen“ ausgewählt. Ich muss gestehen, dass ich mich mit einem gedanklichen Einwurf schwer tue. Ich weiß nicht mehr, wer den Vorschlag eingebracht hatte, aber ich würde diesen bitten, einen kurzen Einstieg vorzubereiten. Und wenn wir merken, dass das nicht ergiebig genug wird, dann driften wir einfach dorthin ab, wohin uns unser „Denken ganz ohne Modelle“ führt. Eine Weile werden wir uns wohl generell bei dem Begriff aufhalten: Denken. Und vielleicht lässt der eine oder die andere von uns von einer Suche bei Wikipedia inspirieren. Eine Sorge, dass die Debatte zu abgehoben geraten könnte, habe ich nicht. Denn schließlich ist jede Ideologie und Idee ein Modell, und damit bekommen wir die nötige Bodenhaftung.

Hannes Schroth
selbsternannter aber jederzeit steuer- und absetzbarer Moderator

Vorüberlegungen

von Andreas Schierwagen, 01.02.2013

Das Thema "Denken in Modellen" ist uns bei verschiedenen Gelegenheiten untergekommen, zuletzt bei den "Menschenbildern" mit dem homo oeconomicus. Das Thema legt erstmal nahe, sich mit dem Denken an sich näher zu befassen. Das ist nun aber ein sehr weites Feld, mit für Nicht-Kognitionswissenschaftler recht schwierigen Konzepten und zum Teil unvereinbaren theoretischen Auffassungen. Deshalb werde ich mich beschränken und nur die Rolle von Modellen für das Denken und beim Denken etwas beleuchten. Denken im Sinne der Kognitionswissenschaften wird nur kurz thematisiert.

Analogien und Metaphern

Wenn wir nach der Rolle von Modellen für das Denken und beim Denken fragen, kommen wir zu Begriffen wie Analogie und Metapher.

Zu den Arten von Analogien zwischen einem Untersuchungsgegenstand und einem gewählten Analogieobjekt gibt es viele Studien, die auch belegen, dass die Verwendung von Analogien ein grundsätzliches Instrument der Kognition ist.

Der Begriff der Metapher zielt auf die kreative Rolle von Modellen. In einer Metapher werden Ideen, Bedeutungen und Begriffe aus zuvor unverknüpften Bereichen der Realität miteinander identifiziert. Es kommt dann zu Bedeutungsverschiebungen der Begriffe aus den beiden Bereichen. Ein Beispiel ist die Metapher "Das Gehirn ist ein Computer". Sie hat bewirkt, dass sich die Auffassungen vom Gehirn und vom Computer gegenseitig beeinflusst haben (CPU/Zentraleinheit = Gehirn, Ein- und Ausgabegeräte = Sinnessysteme und Willkürmotorik, Denken = Informationsverarbeitung usw.). Die Gehirn-Computer-Metapher wird von vielen Kognitionswissenschaftlern als äußerst nützlich für das Verständnis der Kognition angesehen; eine wachsende Anzahl von Kognitionswissenschaftlern lehnt sie ab. Letztere argumentieren, diese Metapher sei unfruchtbar und hätte in eine Sackgasse geführt. Die wachsende Kritik an der Gehirn-Computer-Metapher hat damit zu tun, dass sie grundsätzliche Mängel hat. Das sind v.a. die fehlenden Möglichkeiten der empirischen Überprüfung. Dazu ein paar Bemerkungen genereller Art.

Definition von Wissenschaft

Wenn wir das begriffliche Netz aufspannen, in dem der Modellbegriff seine Bedeutung erhält, bietet es sich an, mit einer Definition von Wissenschaft zu beginnen. Ich finde diese ganz brauchbar:

»Wissenschaft ist jede intersubjektiv überprüfbare Untersuchung von Tatbeständen und die auf ihr beruhende, systematische Beschreibung und wenn möglich Erklärung der untersuchten Tatbestände.« Handbuch wissenschaftstheoretischer Begriffe Bd. 3, hrsg. v. J. Speck, Göttingen 1980, S. 726

Wir haben also drei wesentliche Bestandteile:

  1. Beschreibungen, Modelle, Erklärungen, d.h. Theorie
  2. Tatsachen, Beobachtungen, d.h. Empirie
  3. intersubjektive Überprüfung, d.h. sozialer Austausch

Heute besteht weitgehend Übereinstimmung bei Wissenschaftlern und Wissenschaftstheoretikern darüber, dass mit Kant gilt: "Theorie ohne Praxis ist leer, Praxis ohne Theorie ist blind".

Funktion von Modellen

Hauptaufgabe einer Theorie, ob in den Gesellschafts- oder in den Naturwissenschaften, ist es, eine Menge von Beobachtungen zu beschreiben, vorherzusagen und zu erklären. Modelle spielen dabei folgende Rolle:

  • Die grundlegende Funktion eines Modells ist die Abbildung eines Objekts.
  • Das Objekt wird vereinfacht abgebildet, indem von seinen „unwichtigen“ Merkmalen abstrahiert wird, wobei Wichtigkeit bzw. Unwichtigkeit vom Erkenntnisinteresse abhängt.
  • Modellbildung bedeutet immer „Reduktion von Komplexität“

Als Modellierung wird heute meist die Konstruktion von formalen Modellen bezeichnet. In formalen Modellen ist der Bildbereich eine formale Sprache (z.B. Differentialgleichungen, Graphentheorie, Prädikatenlogik oder Automatentheorie), in der die Repräsentation des abzubildenden Realitätsausschnittes vorgenommen wird. Damit ist ein Modell eine formalisierte Theorie bzw. ein formalisierter Teilbereich einer Theorie.

Ziel der formalen Modellierung ist vor allem, mit Modellen Erkenntnisse über die Welt zu bekommen und Untersuchungsergebnisse am Modell auf das reale System zu übertragen: von bestimmten Modelleigenschaften soll auf Eigenschaften des Urbilds zurückgeschlossen werden. Das erweist sich mit wachsender Komplexität des Modells bzw. des realen Systems als schwierig bis unmöglich.

Kriterium für Wissenschaftlichkeit

Ob eine Theorie oder ein Modell etwas taugt zur Erkenntnisgewinnung, zeigt sich letztlich an der Praxis. Popper hat vorgeschlagen, in der Falsifizierbarkeit das Kriterium für Wissenschaftlichkeit zu sehen: Wissenschaftliche Sätze (Theorien und Modelle) sind nur solche, die falsifiziert werden können. Ein Satz, der mehreren Widerlegungsversuchen widerstanden hat, heißt bewährt. Popper schlägt die deduktive Überprüfung von Theorien vor, d.h. aus der Theorie sollen Folgerungen abgeleitet werden, die dann empirisch überprüft werden.

Werden die Folgerungen aus der Theorie bestätigt, so gilt diese vorläufig als verifiziert im Sinne von wahrscheinlich gültig. Werden aber einzelne Folgerungen nicht bestätigt, widerlegen diese das ganze System und die Theorie gilt als als falsifiziert.

Poppers Falsifikationsprinzip hatte in normativer Hinsicht für die Entwicklung der Wissenschaft große Bedeutung. Unter Naturwissenschaftlern, aber auch bei Geisteswissenschaftlern ist inzwischen weitgehend akzeptiert, dass wissenschaftliche Theorien letztlich Vorhersagen machen müssen, und dass das Nichteintreffen dieser Vorhersagen eine Theorie in ernste Schwierigkeiten bringt (wie z.B. erst jüngst die neoliberale Theorie in der Ökonomie).

So wie Popper ihn formulierte, ist der normativen Anspruch allerdings zu stark. Wissenschaftler lassen in der Praxis eine Theorie nicht fallen, weil ein Experiment dagegen spricht. Es gibt oft Gründe, empirische Ergebnisse, die im Widerspruch zur Theorie stehen, als irrelevant für die Theorie zu interpretieren. Es gab und gibt einflussreiche Strömungen der Wissenschaftstheorie, die Poppers Falsifikationismus grundsätzlich ablehnen (Frankfurter Schule, Kuhn, Feyerabend u.a.). Das hat letztlich Feyerabend motiviert, sich gegen Popper zu wenden: Anything goes! - was aber wenig hilfreich ist.

Es bleibt dabei: als Norm ist Poppers Falsifikationsprinzip unverzichtbar. Allerdings muss man akzeptieren, dass gelegentlich auch dagegen verstoßen werden muss, wenn sich auf dem Standardweg der Theoriebildung neue Erkenntnisse nicht gewinnen lassen.

Wenn aber eine Wissenschaft wie die Ökonomie jahrzehntelang an der neoliberalen Theorie des homo oeconomicus festhält, obwohl die empirischen Ergebnisse insgesamt dagegen sprechen, kann das nur als Rechtfertigungsideologie charakterisiert werden!


Anmerkungen

Ich finde Schierwagens Text vor allem deshalb interessant, weil er ein paar aus meiner Sicht grundlegende methodische Probleme offenlegt. Bereits die herangezogene Definition

»Wissenschaft ist jede intersubjektiv überprüfbare Untersuchung von Tatbeständen und die auf ihr beruhende, systematische Beschreibung und wenn möglich Erklärung der untersuchten Tatbestände.«

kommt eigentümlich subjektlos daher, auch wenn es weiter heißt

"Wir haben also drei wesentliche Bestandteile:
1. Beschreibungen, Modelle, Erklärungen, d.h. Theorie
2. Tatsachen, Beobachtungen, d.h. Empirie
3. intersubjektive Überprüfung, d.h. sozialer Austausch"

Alle drei Aspekte fallen irgendwie vom Himmel, Theorie, Empirie und auch Austausch, und verbleiben in einem menschenleeren "intersubjektiven" Raum. Renate Wahsner hat dieses "neuzeitliche Denkprinzip" (so eine ihrer Überschriften) sehr genau seziert. Insbesondere hält sie Schierwagens These "Die grundlegende Funktion eines Modells ist die Abbildung eines Objekts" in Bezug auf die Neuzeit (seit der "kopernikanischen Wende") entgegen

"Als Folge dieses veränderten Seinsbegriffs wird das Erkennen nicht mehr schlechthin als das Abbild der konkreten sinnlichen Wirklichkeit gefaßt, erscheinen die Begriffe der Wissenschaft nicht mehr als Nachahmungen dinglicher Existenzen, sondern als Signen für Ordnungen, funktionale Verknüpfungen und Verhältnisse innerhalb der Wirklichkeit. Da diese Ordnungen sich erst in der intellektuellen Arbeit, in dem tätigen Fortgang von bestimmten Grundelementen zu immer komplexeren Schlußfolgerungen und Bedingungszusammenhängen fassen lassen, bestimmt sich der Begriff des Seins fortschreitend selbst erst in dieser Gesamtbewegung des Denkens."

Ein kruder Widerspiegelungsbegriff als Basis eines Sprechens über Wissenschaft, der die Welt unter die "Form des Objekts" fasst, taugt also wenig für das Verständnis der Umbrüche unserer Zeit, wenn auch das Umbrechen unserer Art, Wissenschaft zu treiben, thematisiert werden soll.

Wahsner (und sie steht damit nicht allein) macht am Schluss ein großes Programm auf:

"Es gibt also keine dialektische Philosophie ohne Naturwissenschaft und ohne ihre philosophische Bestimmung, natürlich umgekehrt auch keine Naturwissenschaft ohne Philosophie. Gerade deshalb muss man sie wohlunterscheiden. Die tiefe Erkenntnis von Karl Marx, dass keine Philosophie, auch keine, die sich als Materialismus versteht, die Welt unter der Form des Objekts fassen darf, ist durch die Erkenntnis zu ergänzen, dass die Naturwissenschaft die Welt unter der Form des Objekts fassen muss. Erst durch die Einheit beider Erkenntnisse erfahren wir, was Natur ist, ist der Begriff Natur bestimmt."

Es gilt dabei, nicht nur "Austausch", sondern auch Theorie und Empirie als soziale Praxen zu verstehen. Anderenfalls führt der Bogen von einer weitgehend instrumentell gefassten Wissenschaft zu einer primär instrumentell verstandenen Technik und damit zu einem Gestaltbarkeitsverständnis (ich spreche dann gern auch vom "Mchbarkeitswahn") von Welt, das nach meiner Auffassung seit wenigstens 50 Jahren (mindestens, seitdem dies im "Dialog mit der Natur" von Prigogine und Stenger thematisiert wurde) in einer substanziellen Krise steckt.

Die Frage der 10. Feuerbachthese, den "Standpunkt der menschlichen Gesellschaft zu gewinnen", bleibt vollkommen ausgeblendet.

In einer anderen Diskussion hatten wir klar herausgearbeitet, dass die Thematik überhaupt nur sinnvoll zu besprechen ist, wenn die Pole "Mensch als Gattungswesen" und dessen "Phylogenese" einerseits und konkrete Menschen (und Menschengruppen) in ihrer "Ontogenese" sowie das extrem widersprüchliche Verhältnis zwischen "Segen für die Menschheit" und "Fluch für den Menschen" in den Blick kommen, das in Wissenschaft (und Technik) seinen Ausgang nimmt.

Hans-Gert Gräbe, 06.02.2013