Attac.2007-10-25

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Mensch und Natur. Wie wir wurden, wer wir sind.
Denktankstelle von Attac Leipzig
25. Oktober 2007, 19 Uhr, Panam, Sternwartenstraße 4

Ankündigung

Literatur:

  • Friedhart Klix, Wolfgang Lanius: Wege und Irrwege der Menschenartigen. Wie wir wurden, wer wir sind. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1999. ISBN-13: 9783170160354
    • Offensichtlich schwer zu haben. Bei Amazon: nicht lieferbar. Bei Lehmann's online für 22.50 Euro (Ladenpreis) "Lieferbar innerhalb weniger Tage (sofern verfügbar)"

Backcovertext:

Viele Menschenarten sind ausgestorben. Nur der Homo spaiens hat überlebt. Wieso eigentlich?

Die Autoren zeigen in diesem Werk die Entwicklungslinien und -brüche der Menschen und ihrer nächsten Verwandten, der Hominiden, auf. Sie schildern anschaulich das Zusammenwirken physikalischer, sozialer, biologischer und kognitiver Faktoren auf dem Wege zum heutigen Menschen und beleuchten seine handwerkliche und geistige Entwicklung, seine soziale Organisation, die Entstehung von Hochkulturen und deren Zusammenbruch. Dem Leser wird deutlich, dass der Mensch kein Endprodukt einer zwangsläufigen Evolution, sondern das Ergebnis eines eher zufälligen und chaotischen Prozesses ist. Ein Blick auf den gegenwärtigen Zeitabschnitt der Evolution und ein Ausblick auf morgen runden dieses fesselnde Werk.

Prof. Friedhart Klix hatte den Lehrstuhl für kognitive Psychologie an der Humboldt-Universität Berlin, Prof. Karl Lanius war Direktor des Instituts für Hochenergiephysik und lehrte an der Humboldt-Universität Berlin

Wege und Irrwege der Menschenartigen

Ich habe im Folgenden wie besprochen ein paar Sätze und Gedanken aus dem Buch zusammengetragen, die hoffentlich für genügend Zündstoff in der Diskussion sorgen. Dass ich nicht mit allen hier herausgeschriebenen Schlussfolgerungen konform gehe, muss ich sicher nicht extra betonen. -- HGG

3.3. Über Kommunikation und Kognition

(S. 81) Kommunikation ist die Basis für die Entstehung und Erhaltung sozialer Kohärenz. Sie bewirkt einen Brückenschlag, der zwischen Individuen stattfinden kann und unter anderem zur Erkennung von Zusammengehörigkeit beiträgt. Ins individuelle Eigenleben gewendet, bedeutet dies vor allem: die Erzeugung von Sicherheit durch Gemeinsamkeit. Und Sicherheit ist der am tiefsten verankerte, am stärksten angestrebte und doch nie ganz erreichbare Zufriedenheitszustand aller höheren Lebensformen.

Um Wandlungen gewachsen zu sein, mussten die Ordnungen sozialen Zusammenlebens selber dynamisch, d.h. flexibel und damit anpassungsfähig werden. (S. 82) Richtungs-, Wege- und Zielentscheidungen für die ganze Gruppe erfordern Flexibilität und Adaptivität im Gruppenverhalten, so dass es sich um intelligenzintensive Formen des Kooperierens handelt. Wobei wir festhalten wollen, dass es keine eigentliche Gruppenintelligenz gibt. Über intelligentes Gruppenverhalten wird von dominanten Mitgliedern entschieden. In ihren bevorteilten Nachkommen züchten sich charakterliche Eigenschaften fort.

3.5. Der Aufbau von Wissen

(S. 92) Es gibt drei evolutionsgeschichtlich nachweisbare Ebenen der Informationsrepräsentation:

(1) Ebene der Informationsträger für bildliche Eindrücke; Gedächtnisinhalte, die gewesenes Wahrnehmen aufbewahren und reaktivieren können. Ist bereits bei vielen Wirbeltieren vorhanden.

(2) Ebene des begrifflichen Wissensbesitzes; Klassifizierung von Objektmengen auf Grund gemeinsamer Merkmale. Können alle höheren Primaten.

(3) Ebene der sprachlichen Repräsentation von Wissen; Begriffe werden mit Benennungen verbunden.

(S. 94) Mit den Aktivitäten und Erfahrungen des Handelnden bildet sich mit dem Homo sapiens der Begriff des SELBST als ein verdichtetes Gedächtnisbild eigener Handlungserfahrungen. Seine Reflexion ist an entstehendes Bewusstsein gebunden und führt zum reflexionsfähigen Begriff des ICH. Die Begriffe ICH und SELBST sind nicht identisch [Fußnote: selbstlos und ich-los sind sehr verschiedene Dinge]. Die Erkennung des SELBST beginnt bereits im Vormenschlichen. Der Ursprung wird aus den Differenzierungen der Sozialbeziehungen hergeleitet.

7.3. Weltbildaufbau und -zusammenbrüche in Süd- und Mitteleuropa

In diesem Abschnitt geht es um die Erfahrungen aus den großen Wanderungsbewegungen der Zeit bis 600.

(S. 127) Menschliche Gemeinschaften sind im Allgemeinen konservativ. Sie sind nicht bereit, Energie und materielle Ressourcen in Neues um seiner selbst willen zu investieren. Erst wenn externe oder interne Stress-Situationen, oder beides, Innovationen zur Überlebensfrage werden lassen, entstehen Motivationen, neue Wege zu gehen.

(S. 197) Es scheint eine kritische Grenze zu geben, innerhalb der gilt, dass heterogene Volksgruppen neue, große Kulturen hervorbringen können. Es muss ein Attraktionspunkt da sein, der zumutbar ist für Einheimische wie für zureichend viele Fremde. Jenseits dieser Grenze kann Gewalt nur vorübergehend scheinbare Ruhe in bestehende Spannungen bringen.

(S. 198) Es gibt eine ganze Anzahl geschichtsphilosophisch begründeter Gesetzesaussagen. Sie beruhen zumeist auf beobachteten Stabilitäten oder den Regelmäßigkeiten ihres Wechsels. Konkrete historische Abläufe verlaufen aber chaotisch. Das schließt auch ein, dass sich von Zeit zu Zeit Zustände herausbilden, die eine gewisse Zeit stabil bleiben. Wenn sich der Zustand des Systems weit vom Gleichgewicht entfernt, können sie zerfallen und wie die Reste eines sturmzerrissenen Wolkenbilds ihre jeweils eigenen Wege ziehen. Auch die neueren großen Geschichtsphilosophen, von Ranke über Spengler, Toynbee und Marx haben diese turbulenten Eigenarten gesellschaftlicher Strukturbildungen nicht beachtet. Sie haben aus zwar langfristigen, auf Ganze gesehen aber immer noch kurzzeitig stabilen oder auch periodisch wechselnden Zuständen die "Gesetze der Geschichte" abgeleitet - und sind mit ihren Theorien an den wirklichen Kräften der Geschichte gescheitert. Die sind nämlich nicht deterministisch.

7.3.4. Wandlungen zur Gegenwart hin

(S. 206) Auf der Suche nach Sicherheit und der Vermeidung von Ungewissheit und Bedrohung entstand in der frühesten Menschheitsgeschichte ein archaisches Weltbild, in dem der Glaube an die Macht des Zaubers und der Magie Sicherheit und Zuversicht schufen. Es entstand eine Sprache für gemeinsame Überzeugungen als wesentliches Element der Stabilisierung der frühen Gemeinwesen, die in Stammesformen organisiert waren. Voraussetzung war der mögliche Kontakt jedes Mitglieds mit jedem.

In den frühen Großreichen der Geschichte (Sumer, Babylon, Ägypten) entsteht eine gewisse Entfremdung der Menschen untereinander. Wichtiges Kontaktmittel bei der Regelung sozialer Beziehungen wird die Schrift. Soziale, individuelle und staatliche Sicherheit werden durch den Glauben an die Vollmachten von Priestern und Königen geschaffen, welche die Verbindung zu einer gemeinsamen Zukunft symbolisieren und damit Quelle von kollektiver Sicherheit sind.

Nach zahlreichen Rückfällen in tyrannisch regierte Kleinstaaten sucht die geistige Elite Griechenlands die Ordnungsbildung in einem Land durch die geistige Organisation von Staatsbewusstsein zu steigern. Derselbe Versuch im römischen Reich scheitert an den heterogenen, teilweise noch auf Stammesbasis entstandenen Weltbildern.

In der Renaissance wird der Mensch Teil des Universums, das sich mit der Aufklärung zum Einssein mit der Natur und zum Gleichsein mit dem anderen steigert. Doch die kollektive Sicherheit des Gottesstaates geht dabei weitgehend verloren.

Die Neuzeit des 20. Jahrhunderts brachte ein Weltbild hervor, das bestimmt ist durch die Relativität aller Werte, des Wissens und des Glaubens, ja sogar des Raumes und der Zeit. Statt dass Fortschritte im Erkenntnisstreben zur Schaffung eines der Wissenschaftsentwicklung gemäßen Weltbildes beigetragen hätten, zerstückelten sich die Weltbilder in zahlreiche Formen "guten Glaubens". Die gegenwärtige Globalisierung der Informationsnetze erhöht die Heterogenität der Weltbilder in einem bislang nicht geahnten Ausmaß. Angleichung muss sich zwangsläufig einstellen. Es wird eine Absorption der kleineren und schwächeren Gemeinschaften sein. Homogenität entsteht zu Lasten der Vielfalt, in der Natur wie in den sozialen Gesellungsformen. Die Überheblichkeit der Dominierenden lässt die Menschheit im kulturellen wie im geistigen Sinne verarmen.

9. Klimastress und Gesellschaft in geschichtlicher Zeit

Nach einer ausführlichen Diskussion der geologischen Dimension des Klimawandels im Kapitel 8 wird im Kapitel 9 über einige historische Fallstudien berichtet, wie in historischen Dimensionen verschiedene gesellschaftliche Zusammenhänge auf Klimastress reagierten:

9.1 Das Land Kanaan (Zusammenbruch einer Zivilisation zum Ende der frühen Bronzezeit im Zuge einer langen Trockenperiode)

9.2 Das südliche Maya-Tiefland (siehe auch den Vortrag von Stefan Matteikat am 26.09.2007)

9.3 Altnordische Siedlungen in Westgrönland

9.4 Das Römische Imperium

Zusammenfassung (S. 255): Die vergleichenden Betrachtungen machen den entscheidenden Unterschied zwischen einem Kollaps und folglich dem plötzlichen Verlust der Komplexität eines Gesellschaftssystems und dem Zerfall einer Weltmacht deutlich. Abweichend vom Reich der Maya oder dem Weströmischen Reich erlitten weder das Oströmische noch das Chinesische Reich einen plötzlichen Zusammenbruch. Jede zeitweilige Schwäche dieser Imperien führte zur Expansion ihrer Nachbarn. Ein Kollaps, also das relativ rasche Verschwinden einer komplexen politischen und sozialökonomischen Organisation der Gesellschaft und der damit einhergehende Übergang zu kleineren, einfacher strukturierten Gemeinwesen mit weit geringerer sozialer Differenzierung, war nur möglich, wenn er zu einem Machtvakuum führte, das keine konkurrierenden, ähnlich komplexen Gesellschaftssysteme ausfüllen konnten.

In der Welt des 21. Jahrhunderts wird kein regionaler Kollaps mehr möglich sein. Jedes Machtvakuum wird sofort durch konkurrierende Systeme ausgefüllt.

10. Zusammenfassung

(S. 288) Angesichts der Entwicklungen, die wir zum Ausgang des 20. Jahrhunderts erleben und mitgestalten, drängt sich die Frage auf: Warum werden die offensichtlich falsch gestellten Weichen nicht umgestellt, wodurch ist die Ohnmacht oder die Unfähigkeit der Mächtigen, die Wirkungslosigkeit der Wissenden bestimmt? Warum kann keine Gruppe diesem offensichtlichen Katastrophenlauf Einhalt gebieten?

Ein Leitgedanke dieses Buches ist zu begründen, warum es zu dieser Talfahrt menschlicher Lebensqualität gekommen ist, und zudem noch, weshalb daran derzeit und unter den gegebenen sozialökonomischen Verhältnissen nichts veränderbar ist.

Einiges von diesem Unvermögen hat uns die Naturgeschichte in einigen hunderttausenden von Jahren eingepflanzt, und die Menschheit trägt dies als Erbgut mit sich herum. Der Hintergrund ist einfach: Leben muss sich erhalten. Das ist die Basismotivation alles Lebendigen. Dazu ist, wenn man so will, Evolution da; sie bewirkt Stabilisierung des Gegebenen. Bei höher organisierten Lebewesen wird dabei das Verlangen nach Schutz und Sicherheit zu dem am tiefsten verankerten Bedürfnis. Es treibt die immer neue Gestaltung organismischen Lebens an. Und letztlich sogar die Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens im Ganzen. Unsicherheit menschlicher Existenz zu erfahren, sei es beim Einzelnen oder im Kollektiven, das ist der elendste zu registrierende Lebenszustand.

Wir haben in den einzelnen Kapiteln wiederholt gesehen, wie der Ausbau von Sozialstrukturen immer wieder verändert wird, aber immer einem Zweck dient: Die Stabilität des Zusammenlebens und damit auch des Einzelnen bestmöglich zu sichern.

Beim Hordenmännchen mit Anspruch auf alle Dominanz und Befehlsgewalt gegenüber Nahrungsaneignung und Vermehrungsfähigkeit beginnt wohl jener emotionale und später bewusstseinsfähige Status, den man sprachlich mit dem Begriff Stolz beschreibt. Man ist stolz auf etwas: ein besonderes Stück Nahrung, ein vielseitig umworbenes Weibchen, eine sichere Wohnstatt, einfach auf etwas, das andere nicht besitzen, aber besitzen möchten, seien es selbst eine Reliquie oder ein neues Automobil. Zum Stolz des Einen gehört der Neid des Anderen. Das treibt die Motivsysteme der Menschen in der Geschichte an. Und es gestaltet die Art ihres Zusammenlebens mit. Es geht schließlich ein in jenes mentale Gebilde, das wir Weltbild genannt haben. Es nimmt seinen Anfang in der Selbsterhöhung von Hordenmännchen und es reicht bis zur Mitgliedschaft in einer Elite. Die Bande dieser Motivsysteme sind festgezurrt in allen Lebensformen, sie sind ebenso fest wie alt.

Die Ratlosigkeit der Wissenden hat mit der Ohnmacht der Mächtigen zu tun, gegen diese Verankerung des eigenen Motivsystems anzugehen. Es kommt mit der spezifischen Menschheitsentwicklung die soziale Einbindung dieser Motivwurzeln hinzu. Nur in den frühesten Strukturen der Sozialbeziehungen war die Macht - zumindest zeitweilig - an einzelne vergeben. In Folge der neolithischen Revolution bildeten sich zum Zweck der Selbststabilisierung Netze von Mächtigen, die sich um ihrer selbst willen gegenseitig stützten, sei es in Form von Clans, Orden, Räten, Höfen, Parteien, Regierungen, Parlamenten etc. Alles sind Netze zum Erhalt der gegebenen gesellschaftlichen Systeme, zur Stützung von Machtpositionen. Ausscheren kann im Prinzip jeder. Aber oftmals bei Verlust seines sozialen Ansehens, häufig noch schlimmer, bei Strafe der sozialen Isolierung. Viele Gesellschaftsstrukturen pflegen diese persönlichkeitsvernichtende Art der Bestrafung, und in der Regel mit Erfolg zur Disziplinierung ganzer Gruppen und Schichten.

Aber auch Wissen ist Macht, so ist überzeugend gesagt worden. Warum kann sich das nicht durchsetzen? Deshalb nicht: weil diese Macht ein Weltbild symbolisiert und so nur indirekt besteht. Erst dann, wenn dieses Wissen eingesetzt werden kann, die Macht der Mächtigen zu beeinflussen, erst dann besteht die Chance, dass sich besseres Wissen durchsetzen kann. Wenn nicht, wird auch besseres Wissen scheitern. Der umgekehrte Weg, erst die Macht zu nehmen und dann das Wissen einzusetzen, dieser Weg ist schon zu oft in der Geschichte gescheitert als dass man darauf noch Hoffnungen setzen sollte.

Bericht

Mensch und Natur. "Wie wir wurden wer wir sind". Wer sind wir eigentlich? Das waren die Themen, die sechs Interessierte am Donnerstag zu einem sehr munterem Gespräch in der diesmal ruhigen und gemütlichen Kneipe in der "Sternwarte" zur attac-DenkTankStelle zusammengebracht hatte. Es stellte sich bald heraus, dass anspruchsvolle Themenwahl, Lebensbezug und politische Relevanz gut zusammenzubringen sind. Die Sorge, dass es zu abgehoben zugehen könnte, also unbegründet war.

Wieder einmal mussten wir uns auch gegenseitig gut zu- und einreden, dass es möglich und legitim ist, wenn Juristen, Mediziner, Informatiker, Architekten, Pädagogen u.a., also Laien und Dilettanten, Dinge erörtern, die eigentlich hochspezialisierten Wissenschaftlern zuzuordnen sind. Das ist aber fast wieder ein Thema für sich.

Einige Splitter aus der Diskussion, die sich in mein Gedächtnis gerettet haben, habe ich mal einfach runtergetippt und vorerst an die Teilnehmer gegeben, in der Hoffnung, dass die noch was dazu tun. Dann schicken wir's mal rum oder es ist im Wiki einzusehen.

Die nächste DTS im November ( Vorschlag 26.11.) soll sich auf Anregung unserer Campusinos mit unserem Konsumverhalten und den Möglichkeiten, darüber Einfluss auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse zu nehmen, befassen. Sie ist somit quasi eine Fortsetzung unserer DTS als auch eine Begleitung unserer MittwochsATTACke am 14.11. ( Achtung, diesmal nicht am letzten Mittwoch! ), die unter dem Thema "Die Macht der Schwachen" läuft.

Salute. joHannes