Attac.DenkTankStelle.2017-06-12

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DenkTankStelle von Attac-Leipzig

Thema: Widerstand
Ort und Zeit: Montag, 12. Juni 2017, 19 Uhr im Café Grundmann

Ankündigung

Als Thema wurde der Begriff Widerstand gewählt, und die ursprüngliche Absicht, uns mit P. Weiss’ „Ästhetik des Widerstandes“ zu befassen, verworfen. Widerstand ist ein weites Feld, das wir sicher ein wenig eingrenzen müssen, damit es uns beim Ackern nicht überfordert. Als zugleich Grund-Stück der Dialektik, der Moral, der Erziehung, der Soziologie, der Politik, des Grundgesetzes und der Konventionen, wird es nicht an Stoff mangeln, die einzelnen Aspekte zu besprechen und zueinander in Beziehung zu setzen. Alte Dispute über zivilen Ungehorsam, gewaltlosen Widerstand, das Recht und die Pflicht zum Widerstand im unfreien Staat, auch das zur Anpassung, werden uns wiederbegegnen.

Gern weisen wir aber nochmals zum Thema auf die Veranstaltung am 24.5.19.15 h in der Uni zu P. Weiss’ „Ästhetik des Widerstandes“ hin.

“Mit dem 1981 abgeschlossenen Roman »Die Ästhetik des Widerstands« legte Weiss eines der »erregendsten, mutigsten und traurigsten Bücher« (Wolfgang Koeppen) seiner Zeit vor, das rasch Kultstatus bekam und dessen Titel sprichwörtlich wurde. In seinem Vortrag stellt Arnd Beise das Werk des Autors vor und fragt nicht nur nach den Gründen für dessen zeitweilig immensen Erfolg, sondern thematisiert auch das Verschwinden aus der Öffentlichkeit in den 1990er Jahren und die aktuelle Renaissance des Werkes von Peter Weiss.”

eine gute Zeit wünscht Johannes

Diskussionsnotizen zum Thema “Widerstand” von Wolfgang Weiler

I. Allgemeines

1. In der Technik wird Widerstand bei Durchflüssen gemessen; Elektrizität, Öl. Im Tierreich leistet das Beutetier Widerstand und auch (ganz anders) das Immunsystem. Beim Menschen ist dies ähnlich. Immer geht es darum, äußeren Hemm- oder Zerstörungskräften entgegen zu wirken. Widerstand ist ein beschreibender Begriff und per se kein wertender. Widerstand, Entgegenwirken, Widerstehen – nichts von dem ist an sich “positiv” oder “negative”, “gut” oder “böse”.

2. Für Menschen ist Widerstand moralisch geboten (und dann also positiv gewertet) z.B. bei Erdbeben oder Vulkanausbrüchen, also gegenüber zerstörerisch wirkenden Naturkräften und erst recht bei durch Menschen mit verursachten Klimaschäden, Haldenunfällen usf. Hier wird wirksam, dass sehr generell moralisch gefordert wird, von für “die Menschen” Wertvollem Schaden abzuwenden.

3. Allerdings ist in der menschlichen Gesellschaft vieles nur für jeweils bestimmte “Gruppen” wünschenswert und für andere unerwünscht. Kolonialismus/Neokolonialismus treffen beispielsweise auf deutliche Interessengegensätze. Jede Seite wird Widerstand leisten gegen die andere. Der Widerstand der Kolonisierten gilt diesen als positiv, den Kolonialisatoren als das Gegenteil.

4. Widerstand gibt es innerfamiliär, wenn divergierende Vorstellungen (etwa zur Ausbildung der Kinder) ausgefochten werden. Widerstand ist in Forscherkollektiven beobachtbar, wenn unterschiedliches Vorgehen präferiert wird. In der Praxis wird auch hier gewertet, und zwar unterschiedlich. Kollegiale Auseinandersetzung kann in Feindschaft und feindseliges Verhalten übergehen. Für Sachfremde ist schwer beurteilbar, wie welcher Widerstand zu beurteilen ist.

5. Im politischen Lebensbereich werden zwischen politischen Parteien, Strömungen, Gruppierungen und auch innerhalb derselben Auseinandersetzungen um Ziele, Mittel, Vorgehensweisen u.U. mit größter Härte geführt. Hier gibt es Widerstand der “Progressiven” gegen “Regressive”, von “Bewahrern” gegen “Veränderer”, der Inhaber von Machtpositionen gegen Bewerber um diese usf. Ggf. entwickelt sich gegenseitiger “Widerstand um jeden Preis”. Antikolonialer Widerstand etwa wird dann schnell als “terroristisch” eingestuft, selbst wenn die Methoden der Gegenseiten sehr ähnlich sind.

6. Fragen nach den besten bzw. effektivsten (Teil-)Zielen progressiven Widerstands, nach Mitteln und Vorgehensweisen, die geboten, erlaubt oder auszuschließen sind, lassen sich nicht generell beantworten. Die Antworten sind abhängig von Faktoren des Widerstands wie Trägern/Akteuren, gegen wen oder was gerichtet, wo (in welchem Lebensfeld), Zeitumständen, Erreichbarkeit von Zielvorstellungen und ggf. Alternativen, erlangbaren Mitteln und Verfahrensweisen …

II. Aktueller progressiv-politischer und intellektueller Widerstand

1. Progressiver politischer Widerstand richtet sich aktuell v.a. gegen neoliberale Globalisierung und Politik in ihren verschiedenen Äußerungsformen und zerstörerischen Folgen, und dies in vielen Ländern. Die Akteure haben übereinstimmende, jedoch auch differenzierte Interessen. Ihre regional/örtlichen Nahziele, verfügbaren Mittel und Methoden, der Organisations- und Bewusstheitsgrad sind unterschiedlich. Auf der Gegenseite stützt sich der “Widerstand” der Hauptgewinner auf etablierte Macht.

2. In Deutschland findet progressive Widerstand in Streiks sowie anderen Protestformen und Aktionen statt. Die Macht der neoliberalen Teile der ökonomischen, politischen, kulturellen u.a. Eliten ist durch diverse Krisenentwicklungen angeschlagen, aber weithin ungebrochen. Zu ihren wesentlichsten Instrumenten gehören neben den Banken und Konzernen, Staatsapparat und besonders Militär, auch Think Tanks, Leitmedien u.a.m.

3. Intellektueller Widerstand (als Bestandteil verschiedenartigen Widerstands) zeigt sich auf vielen Gebieten, im Bildungswesen, Theater, Film, Literatur u.a. sowie in zahlreichen Formen. Selbst in den Leitmedien platzieren nicht konforme Journalisten bemerkenswerte Beiträge. Vertreter etwa der Kognitionswissenschaften, Psychologie, Ökonomie u.a. Disziplinen entlarven Manipulationsmethoden und zerstörerische Tendenzen des Mainstreams. Daneben wird allerdings “politische Neutralität”, “Wertfreiheit” u.ä. offen vertreten, eingefordert und “stimuliert”.

4. Intellektueller Widerstand gegen herrschende neoliberal gesteuerte Institutionen und geistige Strömungen findet sich in zahlreichen politischen Aktionen und Aktivitäten, allerdings oft zersplittert, personal- und wirkungsschwach. In Gewerkschaften bestehen widerständige Zentren, jedoch gefesselt u.a. durch das für sie gültige Politikverbot; ernsthafte Auseinandersetzungen um dessen Aufhebung sind nicht absehbar. Aufflammende Protestbewegungen (etwa PEGIDA) konnten nicht zu einer progressiven Kraft entwickelt werden.

5. Größere Wirksamkeit intellektuellen Widerstands setzt dessen Bündelung voraus. Wesentlich erscheint die Auseinandersetzung mit den Leitmedien (einschließlich Internet), das Minimieren ihrer negative Wirkungen wie ihr progressives Ausnutzen. Dazu sind die ökonomisch-politischen Hintergründe ihrer neoliberalen Orientierung aufzudecken. Widerstand an Hochschulen und Universitäten ist gegen neoliberale Strukturen und Verfahren sowie gegen die entpolitisierenden und prekarisierenden Orientierungen nötig.

6. Individueller intellektueller Widerstand schließt ein,

  • die Bereitschaft zur kritischen Auswahl selbst genutzter Medien,
  • zielorientiertes Suchen von geeigneten Beiträgen zur eigenen Information, Urteilsbefähigung und Verhaltensorientierung,
  • Aufmerksamkeit für progressiv bedeutsame Diskussionen und Diskussionskreise,
  • Bemühen, dem manipulierenden öffentlichen Mainstream öffentlich zu entgegenzuwirken.

7. Individueller intellektueller Widerstand schließt ein, sich über Manipulationsmethoden zu informieren, die geeignet sind, regressives Empfinden und Denken unbemerkt in das eigene Bewusstsein und Unterbewusstsein einzuschleusen. Dazu gehören etwa neue Erkenntnisse der Hirnforschung und Psychologie, neuere Strategien des Einsatzes “verdrehter” Begrifflichkeit, gezielter Falschmeldungen und “Bilddokumente”.

8. Intellektueller Widerstand in politischen Aktionsgruppen kann, von grundlegenden Überzeugungen her vorwiegend emotional motiviert, vielfältige Formen annehmen. Bei zurückbleibendem (v.a. Grundlagen- und Sach-)Wissen besteht neben der Gefahr der Zersplitterung die leichtere Angreifbarkeit, von Lähmung und “Abblättern”. Theoretische Befähigung darf daher nicht durch Multiaktivismus verhindert werden.

9. Politischer Widerstand größerer Gruppen und temporärer Bewegungen (z.B. gegen Wallstreet) ist häufig getragen durch sehr differenzierte Motive beteiligter Individuen und Kleingruppen und darauf zielender Gegenwirkung ausgesetzt. Ohne aktive “aufklärerische” Kommunikation, ist nachhaltiges Bestehen und Erstarken unwahrscheinlich.

10. Intellektueller Widerstand gegen die gefahrvollen Politiken der Gegenwart bedarf besonderer Aufmerksamkeit und Anstrengung u.a. der progressiven Intellektuellen.

17.05.2017 - W. W.