Attac.DenkTankStelle.2013-04-08

Aus LeipzigWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Home Hauptseite / Attac / Attac.DenkTankStelle

DenkTankStelle von Attac-Leipzig

Thema: Der Einzelne und seine Gesellschaft
Ort und Zeit: Mo, 08. April 2013, 19 Uhr im Café Grundmann

Ankündigung

Liebe Freundinnen und Freunde unserer DenkTankStelle,

am 8.4. treffen wir uns wie immer 19.00 h im Café Grundmann zu unserem nächsten Disput, den wir unter das Thema Der Einzelne und seine Gesellschaft gestellt haben. Es wäre schön, wenn - wie schon oft - vorher ein paar Gedankensplitter die Runde machen würden. Prof. Gräbe hat einige Links gesendet, die ich angehängt habe. Kant hat dazu seinen kategorischen Imperativ formuliert und im Kommunistischen Manifest ist auch Erhellendes über den Einzelnen und seine Gesellschaft zu finden. Und da es sich um eine Schlüsselfrage der Philosophie handelt, hat wohl jeder große Nachdenker etwas darüber geschrieben. Aber wie immer, geht es zuvorderst um unsre eigenen Erfahrungen und Gedanken zum Thema.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Johannes Schroth, 06.04.2013

Links:

Debatte vorab

Ich möchte auf zwei weitere Veranstaltungen im April hinweisen, auf der das von euch gewählte Thema auch auf der Agenda steht:

  • 19.-21.4.: Wege zu einer humanen Technik
  • 19.4.: Nachhaltige Informationsgesellschaft

Außerdem haben wir das Ganze im letzten Semester sehr ausführlich diskutiert.

Hans-Gert Gräbe, 10.03.2013


Liebe DTS-FreundInnen,

unser Thema ist so allgemein, dass Mensch sich natürlich ganz unterschiedlich dazu äußern kann. Der Optimist sieht die Lage insgesamt positiv, fühlt sich wohl in der FDGO, feiert die vielfältigen Möglichkeiten des individuellen Konsums und genießt das Leben. Dass gewisse Probleme bestehen, bestreitet er nicht; er ist aber überzeugt, dass diese schon lösbar sind - schließlich haben wir bisher immer alles wieder hingekriegt!

Andere dagegen sind Spielverderber: sie finden den Zustand der Welt (Natur und Gesellschaft) alarmierend. Sie konstatieren, dass die ökologische Frage (Klimaerwärmung, Boden -, Luft- und Wasserverschmutzung, Ressourcen verbrauchende, nicht nachhaltige Produktions- und Lebensweise, Atomenergie, Artensterben usw.) in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert wird, wohingegen die anthropologische Frage (Lucien Sève, Le Monde diplomatique Nr. 9647 vom 11.11.2011) kaum gestellt wird:

Ist die menschliche Gattung in ihrer zivilisierten Erscheinungsform bedroht? So sehr, dass die Rettung der Menschheit ebenso dringend geboten ist wie die Rettung der Natur? Sind wir nicht in vielerlei Hinsicht auf dem Weg zu einer Welt, die für uns kaum noch bewohnbar ist? Wird nicht die alte Maxime "Der Mensch ist des Menschen Wolf" zum Gesetz auf allzu vielen Gebieten, mit womöglich verheerenden Folgen? Was für eine Menschheit wollen wir sein? Wohin ist die menschliche Gattung unterwegs?

Welche Entwicklungen bedrohen die Menschheit nach Sève?

1. Vermarktung alles Menschlichen, Kommerzialisierung von Dienstleistungen (Gesundheit, Sport, Bildung, Forschung, Kunst und Kultur, Freizeit, Information, Kommunikation

2. Entwertung aller Werte. Kants moralisches Prinzip (dem Menschen eine Würde zuzuerkennen heißt, dass er "keinen Preis" hat) wird missachtet; die Diktatur der Rentabilität führt zur allmählichen Vernichtung des Unschätzbaren, Nutzlosen, Unentgeltlichen.

3. Geld als Maß aller anderen Werte ist nur noch selbstbezüglich und ohne jeden eigenen Wert.

4. Unkontrollierbarer Sinnverlust. Nach langer Phase, in der der Kapitalismus einen Sinn hatte –„Fortschritt der Menschheit“, nun Eintritt in eine Phase umfassender Sinnlosigkeit: hemmungslose Kurzfristigkeit der Investitionsrenditen; das Kapital akkumuliert sich zunehmend ohne Ziel und Zweck; historischer Bankrott der herrschenden Klasse! Sève resümiert:

Die Kommerzialisierung des Menschlichen, die Entwertung der Werte, der Sinnverlust – das bedeutet, es findet eine Entzivilisierung statt!

Schirrmacher argumentiert in seinem neuestem Buch „Ego“ ähnlich, oder auch das zdf auslandsjournal (13. März 2013, 23.15 Uhr mit Theo Koll) ist alarmiert von der „Generation Porno - Teenager zwischen Spielsachen, Smartphone und Sex“

"Oft sehe ich von einem Mädchen erst die Brüste und dann das Gesicht", erzählt ein 15-jähriger Junge. Was für die meisten Erwachsenen schockierend klingt, ist für die heutige Teenager-Generation in Großbritannien Alltag. Nie war es für Jugendliche einfacher, an pornographisches Material zu gelangen, und nie so leicht, auch sich selbst in expliziten Posen abzulichten. Dies zeigt eine britische Studie des NSPCC, einer Gesellschaft für Kinderschutz, die Jugendliche in ganz Großbritannien interviewte. Für die Generation Porno gehört Sexting - eine Kombination aus Sex und Texting, also das Versenden von Nacktfotos - zum alltäglichen Leben. Die freizügigen Bilder zählen für die Jugendlichen oftmals mehr als die Persönlichkeit. Was die einen schlicht als neue Version des Flirtens betrachten, setzt andere zunehmend unter Druck. Und: Einmal versendet, können die Teenager die Weitergabe ihrer freizügigen Aufnahmen nicht mehr kontrollieren - mit oftmals verheerenden Konsequenzen. Viele Bilder werden in der Schule verbreitet oder gelangen ins Internet. So führen die Aufnahmen auch zu Mobbing oder Erpressung. Susanne Gelhard berichtet aus London über die Generation Porno.

Soweit ich sehe, werden v.a. folg. Auswege vorgeschlagen:

a) Systemkonforme, technizistische Lösungskonzepte: WWW, informationstechnologische Revolution, Internet-Ökonomie, Wissensgesellschaft, „soziale“ Netzwerke…

Auf diese Weise sei die „Transformation“ des Kapitalismus möglich, hin zur "postkapitalistischen Multimediagesellschaft" (N. Bolz, wiss. Beirat des Wirtschaftsrates der CDU), zu einer "Umkehr des Verhältnisses von Kapital und Wissen" (K. Biedenkopf), und dem „Ende der Geschichte“! Tatsächlich aber gilt: Alle Bereiche, auch die der neuen Technologien, werden immer umfassender den kapitalistischen Verwertungsprinzipien unterworfen!

b) Resignation: z.B. Kabarettistin Gisela Oechelhäuser

Beruhigt Euch! Schöner wird's nicht!

Dieses Programm ist das letzte. Zeit, blank zu ziehen. Oechelhaeuser hält sich nicht mehr auf. Revolution? Wenn keiner mitmacht, macht eben keiner mit. Dann ist es so. Soll sich bitte keiner beschweren. Wer was besseres will, muss sich auslachen lassen. Also beruhigt Euch! Schöner wird‘s nicht!

c) Zurück zur guten, alten Sozialen Marktwirtschaft

Schirrmacher konstatiert in „Ego“ weit fortgeschrittenen Identitätsverlust des modernen Menschen, seine Verwandlung in „Nr. 2“, d.h. marktförmige Personenhülse, die sich zwecks Nutzenmaximierung präzise steuern lässt. Er fordert aber nicht die Überwindung des kapitalistischen Systems, sondern Rückkehr zu einer vermeintlich besseren, gerechteren Variante desselben; er appelliert an den Einzelnen und die Politik, künftig einfach nicht mehr mitzuspielen.

d) Linker Neokonservativismus

Sarah Wagenknecht, "Freiheit statt Kapitalismus" – die stv. Vorsitzende der Linken versucht, den sog. Ordoliberalismus (L. Erhard, früher deutscher Neoliberalismus) für ihr Konzept eines "kreativen Sozialismus" einzuspannen, was sowohl Marxisten als auch Ordo- und Neoliberale aber zurückweisen.

Gewiss gibt es noch weitere Antworten auf die "anthropologische Frage". Zur Selbstverständigung fände ich es nützlich, darüber zu diskutieren, wie sich ATTAC dazu positioniert.

Andreas, 07.04.2013