Attac.DenkTankStelle.2013-03-04

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DenkTankStelle von Attac-Leipzig

Thema: Utopie und Wirklichkeit
Ort und Zeit: Mo, 04. März 2013, 19 Uhr im Café Grundmann

Ankündigung

Als Thema wurde ausgewählt "Utopie und Wirklichkeit" und es soll - im Geiste - hauptsächlich Ernst Bloch mit am Tisch sitzen und uns seine Vorstellungen dazu nahebringen. Damit er sich nicht ob unseres Unwissens - im Geiste - die Haare rauft oder die Pfeife ausgehen lässt, werden vorher noch Hinweise zu einem Crash-Kurs rumgeschickt. Und wenn's um Hoffnungen und Utopien geht, versteht ja jeder was davon - auch ohne Bloch.

Hannes Schroth
selbsternannter aber jederzeit steuer- und absetzbarer Moderator

Debatte vorab

Andreas Schierwagen (27.02.) fand in seiner "Kramkiste" etwas zur möglichen Einordnung und Einstimmung:

Dieter Kraft: Notwendiger Nirgendsort. Junge Welt 10.11.2012 (Kopie bei triller-online.de)

Lieber Andreas,

besten Dank für Deinen - wie immer - motivierenden und Gedanken stimulierenden Beitrag. Wenn ich Kraft richtig verstanden habe, akzeptiert er Utopien nur, wenn sie als eine Art Masterplan für eine notwendig neue Gesellschaft taugen, und beruft sich dabei auf Thomas Morus und Campanella. Und er verabscheut alles, was sozusagen spielerisch und phantasievoll darüber hinaus geht und sich im Ungefähren verliert, das ist ihm wie Hacks „peinlich“.

Ich sehe darin erst mal keine Ablehnung von Utopien, sondern eine Differenzierung oder auch Umdeutung, die ihm frei stehen sollte. Wichtig für uns wird es sein, die Rolle von solchen „Modellen“ einzuschätzen. Bloch sieht die Hoffnung und die Vorstellung eines „Nochnicht“ als ein anthropologisch angelegtes Muss im Menschen. Wenn das stimmt, dann muss es uns um die Utopie nicht bange sein. Ich finde deshalb den Ausschnitt, den Kraft gewählt hat, recht überzeugend. Mannheim kenne ich noch nicht, aber was da steht, leuchtet mir auch ein.

"....Bei Bloch in anthropologischer Perspektive, die das »Mangelwesen« Mensch zum permanenten Vorgriff auf Zukunft geradezu verurteilt sieht. Bei Mannheim in sozialer Perspektive, als gesellschaftlich eingebundene Antithese zu allem Bestehenden. Bloch und Mannheim sind bei aller Differenz aber in einem einig: sie wollen den Begriff der Utopie verteidigen gegen das vulgäre Verdikt »Völlig utopisch!«; sie wollen ihm den »Utopismus«-Makel nehmen, den Begriff wenigstens intellektuell repatriieren. Und sie wollen dabei doch nicht grundsätzlich auf die patentierte Formel verzichten: Utopie ist der Traum vom Besseren, von der verbesserten Welt. Natürlich klingt das bei ihnen nicht so platt. Es soll ja gerade nicht banal und abgegriffen klingen. Es soll ja gerade gezeigt werden, wie der zu Kitsch und Sciencefiction konvertierte »Traum aller Träume« weder das eine noch das andere ist, sondern etwas ganz Grundsätzliches mit einer Mensch und Gesellschaft bewegenden Dynamik, ein Lebensprinzip (Bloch), eine gesellschaftliche Entwicklungskraft (Mannheim). Aber die Formel bleibt: Utopie ist das, »was ›sein soll‹« und noch nicht ist."

Hannes, 28.02.2013

Lieber Hannes,

da sieht man wieder mal, wie verschieden so ein Text gelesen werden kann! Ich für meinen Teil habe Krafts Verweis auf Hacks nicht weiter beachtet, weil mir die Sicht auf die Ideengeschichte der Utopien wichtiger war. Wenn ich aber über diesen Satz nachdenke

"Aber ein anderer Utopie-Begriff als der in »Utopia« zur Welt gekommene macht heute ohnehin keinen Sinn mehr, er wäre, um Hacks das letzte Wort zu lassen, nichts als peinlich."

dann erkenne ich nicht Abscheu vor einem anderen Verständnis von Utopie; das "peinlich" sagt doch nur: der katastrophale Zustand der Welt erzwingt, dass wir ernsthaft darüber nachdenken,

"was notwendig ist, um Zukunft überhaupt zu garantieren. »Utopia« ist kein Fortschritt in die Zukunft, sondern ein Rücktritt von einem Denken, das die Zukunft in Frage stellt."

Und wegen dieser drohenden Katastrophe verschwendet Morus keinen Gedanken an das, was Du nennst "was sozusagen spielerisch und phantasievoll darüber hinaus geht und sich im Ungefähren verliert". Daran kann ich nun absolut nichts Kritikwürdiges finden. Dass der heutige Homo ludens nach geschafftem Tagwerk (falls er eines hat), nachdem er seine Rolle als Homo oeconomicus gespielt hat, sich im Ungefähren verliert, fand ja erst gestern Peter Grottian "peinlich" angesichts der zu geringen Mobilisierungsfähigkeit der Leute.

Aber auch ich habe schon mein Apfelbäumchen gepflanzt - eben das Prinzip Hoffnung...

Andreas, 28.02.2013